Von Markus Hochherr
Es ist noch dunkel als Jeff aufsteht. Seine Augen öffnen sich und schweifen sofort zu seinem Mac. Kurz sieht er hin, erkennt ein kleines blinkendes Pünktchen auf dem Flat und springt auf, rennt zum Computer und seine Pupillen öffnen sich wie die einer Katze die gerade in der Dunkelheit den Grund ihrer Leidenschaft entdeckt.
Das was Jeff da so freudig anblickt sind die Daten einer Boje die weit draussen auf dem Meer die verschiedensten Daten sammelt. Daten über Temperatur des Meeres und der Luft, Daten über den Weg des Wassers und vor allem, die Wellen. Jeff beginnt zu lächeln, es wird ein guter Tag.
Für Aussenstehende oder nicht mit der Materie der fröhlichen Seele vertrauten Zeitgenossen ist es wahrscheinlich nicht sofort begreifbar, aber das was Jeff da gerade fühlt und empfindet ist sein Grund für sein Dasein.
Jeff gehört der Spezies der Soulsurfer an, jene Menschen die für den einen Moment leben, den Moment wo sie die beste Welle ihres Lebens surfen dürfen. Da dass aber bei jeder Welle die von Soulsurfern gesurft wird der Fall ist, sind diese Menschen eigentlich im Dauerzustand des Zustandes der auch auf den Inseln von Hawaii ein eigenes Wort hat. Hopupu, dieses Wort bedeutet jenen Moment zu erleben der einem das Lächeln nicht nur auf das Gesicht zaubert, dieses Lächeln durchschwingt den ganzen Körper mit warmer Energie und vergisst dabei auch nicht allen in der näheren Umgebung mitzuteilen was gerade in der Seele geschieht.
Manche nennen es auch Dauergrinsen und wer noch nichts davon gehört hat wird nicht um die Versuchung herum kommen, dem Hopupuisierten Mitmenschen etwas ganz anderes zu unterstellen.
Für Soulsurfer ist es nicht wichtig wie hoch und mächtig die Wellen sind, Hauptsache sie rollen an die Küsten. Aber es gibt von Zeit zu Zeit jene Tage wo die besonderen Wellen an die Küste rollen und genau so ein Tag ist heute.
In einem anderen Haus an der Northshore steht gerade John auf. In gewohnter Routine, gesegnet mit dem Talent schon kurz nach dem Aufstehen Multitaskingfähig zu sein, checkt er die Wetterdaten, telefoniert mit Freunden und packt seine Kameras zusammen.
John ist ein Vertreter eines Menschenschlages die ihr ganzes Leben nichts anderes machen als Wellen und Surfer zu fotografieren und die Ergebnisse der Welt zu schenken.
Beide atmen heute anders, die Atemzüge sind bewusster, intensiver, sie scheinen bis in die Zehenspitzen zu dringen. Die Poren öffnen sich und die Sinne sind schon jetzt geschärft.
Die Sonne steigt nun langsam hinter den weiten Wäldern des Pupukea-Paumalu Waldreservat hoch und heisst die Wellen willkommen. Noch ist es ruhig, die Brandung wirft ihr Lied ungestört an die Küste und scheint alle zu rufen.
Jeff fährt inzwischen an der Northshore Richtung Norden, vorbei an den Stränden und erreicht die Bucht der Waimea Bay, bleibt kurz stehen um seinen Respekt zu erweisen und fährt nach einem kurzen Moment des Fühlens weiter. Vorbei an den legendären Stränden von Log Cabins, Pipeline und Sunset fährt er weiter und erreicht schon bald sein Ziel. Den Spot Velzyland, einem Surfspot benannt nach Dale Velzy, einem jener legendären Surfern die unzählige Menschen nicht nur durch das Surfen inspiriert haben, sondern auch durch die Art wie er gelebt hat. Velzy gehörte zu den Surfpionieren, vor allem weil er der erste kommerzielle Surfboardhersteller war. Durch Velzy bekamen immer mehr Surfer die Möglichkeit diesen Sport zu betreiben.
Für einen Surfer ist sein Brett die Verbindung zum Wasser. Ein Surfbrett ist nicht nur einfach ein Gegenstand um seiner Leidenschaft zu frönen. Es ist viel mehr. Das Brett muss einfach passen. So gut wie jede Welle braucht ein ganz spezielles Surfboard. Es muss zu dem Charakter der Welle passen, es muss dem Surfer des optimale Gefühl geben die Welle zu reiten. Und ein gutes Board ist auch eine Lebensversicherung für den Surfer. Deswegen werden auch heute noch die besten Surfboards von Surfern gemacht.
Jeff fährt weiter am Kamahamehadrive und erreicht die Kreuzung und biegt in die namenlose Strasse ein die zu seinem heutigen persönlichen Glücksmoment führt. Vorbei an den auch heute noch hin und wieder abgestellten Autowracks fährt er weiter zu dem kleinen Parkplatz der noch völlig verwaist den ersten Gast empfängt.
Der Motor hört auf zu arbeiten und nun hört Jeff die Wellen etwas gedämpft durch die Bäume welche den Parkplatz wunderbar vom Strand trennen. Er steigt aus, atmet tief durch, greift sich seine zwei Bretter und geht durch das kleine Wäldchen zum Strand. Nun ist er angekommen um einen der ganz speziellen Tage zu erleben. Jeff setzt sich in den goldenen Sand und schaut sich für einige Zeit die einlaufenden Wellen an. Diese Zeit des Beobachtens ist wichtig, es ist eine kurze Zeit des Lernens über eine Natur des Meeres die sich laufend verändert.
Die Ruhe wird jäh unterbrochen durch John, der bepackt mit seiner Ausrüstung auf den Strand stolpert. Die Freunde begrüßen sich und nun beobachten beide die Schönheit der Wellen. Aber nach kurzer Zeit beginnen beide ihre Ausrüstung vorzubereiten. Jeff wachst seine Boards und John packt die Kameras auf die Stative.
Der Surf kann beginnen.
Jeff rennt zum Wasser und springt im Laufen auf das Brett und beginnt zu paddeln. Nun ist der Moment der kompletten Glückseeligkeit nicht mehr weit, vor ihm die Brandung und in ihm das Lächeln der Seele. Jeff paddelt nicht durch die Wellen zum Line up, er nimmt den etwas leichteren, wenn auch längeren Weg links durch den Channel und erreicht den Punkt der sanften Dünung. Er setzt sich auf sein Brett und beginnt das Wasser zu fühlen.
Am Strand steht John und nützt den Moment der aufgehenden Sonne die ihre Licht auf die einlaufenden Brecher wirft und ihre ganze Schönheit unterstreicht. Es ist immer noch ruhig, niemand anderes am Strand. John dankt den hawaiischen Göttern dass dieser Tag ein Dienstag ist und nicht etwa der Sonntag. John ist glücklich, er darf seine Wellen fotografieren und gehört nun zu den wenigen Menschen die zufrieden sind mit dem was sie machen.
Für Jeff beginnt nun seine Seelenerfüllung, er paddelt seine erste Welle an. Schnell steigt sie aus dem Wasser, hebt ihn an. Jeff springt elegant und geschmeidig auf das Brett und dreht es in die Welle. Er duckt sich leicht und hinter ihm baut sich nun das Geschenk der Götter auf, die Summe aller natürlichen Energien des Planeten, seine ganz persönliche Welle mit der er für einen kurzen Moment eine Freundschaft eingeht. Zusammen werden die Beiden nun einen Weg beschreiten der als die wahre Erfüllung jeden Surfers gilt.
Jeff atmet tief ein, fokussiert seine Sinne und wartet dass er den grünen Raum betreten darf. Und die Welle erfüllt ihm diesen Wunsch. Sie beginnt über Jeff zu brechen und schenkt ihm ihre wahre Pracht. Jeff ist nun im Tunnel, über und hinter ihm das Wasser, vor ihm der Weg zu seinem ganz persönlichen Moment. Jeff fühlt das Wasser um ihn herum, unter ihm scheint das Riff durch und die Zeit schreitet nun ganz langsam voran. Es ist wie das perfekte Erleben jeder Sekunde in all ihren Facetten. Eigentlich wird Zeit bedeutungslos wenn ein Surfer sich ganz hingibt, dann beginnt das Erleben des Lebens ansich.
Die Welle hüllt Jeff noch immer ein, der ablandige Wind scheint die Welle zu bremsen, so dass sie länger bricht. Und sie tut es tatsächlich, der Moment im grünen Raum, dem Wohnzimmer aller Surfer, scheint ewig und Jeff lächelt entspannt während seine Hand sanft das Gesicht der Welle berührt.
Dann drückt er das Brett nach vorne und hinter ihm bricht die Welle in ihrer wudnerbaren Pracht auf das Meer, hüllt Jeff für einen kurzen Moment in weisses Wasser und stößt mit einem letzten Atemzug die in ihr gehaltene Luft mit einem lauten Ausatmen aus. Luft und Wasser schiessen wie eine Fontäne aus der Welle heraus, die nun ihre Energie an Jeff weitergegeben hat.
Der lässt sich mir der auslaufenden Welle an den Strand treiben, für Jeff ist es das Respektieren der ersten Welle die er surft, er wird sie bis zum Strand begleiten damit sie vollkommen in seiner Erinnerung bleibt. Denn dass ist was von der Welle übrig bleibt. Eine wunderschöne Erinnerung. Er durfte sie alleine begleiten, vielleicht war sie monatelang unterwegs und wenn sie von ihrer Reise erzählen könnte, wären die Bücher des Surfens mit wunderbaren Geschichten gefüllt.
Diese Geschichten werden aber trotzdem erzählt, von Jeff, der seine Erlebnisse anderen erzählt und auch von John, der diese Geschichten festgehalten hat um anderen davon zu erzählen die jene Sehnsucht fühlen wenn sie nicht am Meer sein können, nur davon träumen.
Die Welle wirft ihre letzte Energie an den Strand und es scheint ein sanfter Atemzug zu ertönen, es klingt wie eine nette Verabschiedung an einen Freund.
Jeff ist glücklich und zufrieden, John kommt lächelnd zu ihm und sagt ihm dass dies ein guter Tag ist. Jeff nickt und paddelt wieder raus um viele Erinnerungen zu erleben und diese Geschichten allen zu erzählen die sie hören wollen.
Und langsam füllt sich das Wasser mit Leben und von oben schaut Dale zu und freut sich in seinem Himmel wo er auch nichts anderes macht als den ganzen Tag zu surfen.
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